Wüste Ägypten:
Ich laufe nur ein paar Schritte – und plötzlich sinke ich knietief im Sand ein.
Als ich versuche, meinen Fuß herauszuziehen, bleibt mein Schuh einfach stecken.
Ich grabe, suche – nichts.
Willkommen in der Wüste Ägyptens….Ein paar Tage vorher hatte alles noch ganz harmlos begonnen.
„Endlich!“, freut sich Susi, eine Mitfahrerin in unserem Geländewagen, als wir von der Teerstraße abbiegen und die Offroad-Fahrt beginnt. Nach wenigen Kilometern fühlt man sich weit weg von städtischem Treiben.
„Aiii, hoppala“, ergänzt Susi kurz darauf, als unser Auto über eine Unebenheit hüpft und wir alle etwas durchgeschüttelt werden. Auch das gehört dazu – wir sind in der Wüste Ägyptens angekommen.
Diesmal geht es mit einer kleinen Gruppe in die Abu Mohareq Dünen, die längste Dünenkette der Welt, die sich über Hunderte von Kilometern erstreckt und ständig in Bewegung ist. Für uns ist es eine Gegend voller Entdeckungsmöglichkeiten.
Schon nach kurzer Zeit finden wir alte Kanister aus dem Ersten Weltkrieg sowie große verrostete Eisennägel, die einst die Gleise einer Eisenbahn zusammenhielten. Heute ist davon nur noch ein Bahndamm zu sehen, und die Kanister rosten vor sich hin – sie könnten sicher viele Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen.
Wir lassen bei den Reifen erst einmal Luft ab. Dies soll helfen, sich nicht so leicht festzufahren – eine Garantie gibt es natürlich nicht.
„Festhalten!“, ruft Tarek, als er eine Düne erklimmt. Man spürt die Kraft des Wagens: Er kämpft, brummt, schnauft – und bleibt kurz vor dem Dünenkamm stehen. Vorsichtig wird der Rückwärtsgang eingelegt, neuer Anlauf genommen – und diesmal, hupps, sind wir oben.
Immer wieder faszinierend ist der Ausblick. Von jeder Düne aus wirkt die Landschaft anders: endlose Dünenketten, plötzlich dunkle Flecken, Steine oder Büsche. Wie von einem Maler gepinselt, schimmern manche Stellen rosa oder gelb.
Vor lauter Begeisterung bemerken wir gar nicht, dass ein anderes Auto noch nicht den Dünenkamm erklommen hat. Also kehren wir zurück. Tatsächlich finden wir das Fahrzeug ein Stück weiter, eifrig die Reifen freizuschaufeln. Wer als Kind im Sandkasten gespielt hat, kommt hier perfekt auf seine Kosten.
Buddeln allein reicht jedoch nicht. Die Sandbleche werden vor die Reifen gelegt – und dann heißt es: mit vereinten Kräften schieben! Irgendwie ist es ein erhebendes Gefühl, wenn man merkt, dass sich ein schwerer Metallkasten langsam bewegt. „Noch ein bisschen!“, ruft Jonathan, ein Mitreisender. Das Auto ist frei – wir verschwitzt, aber zufrieden.
Schnell neigt sich der erste Tag seinem Ende entgegen, und wir suchen einen Rastplatz, bevor die Sonne untergeht. Alle schwärmen aus, um ein geeignetes Eckchen für das Igluzelt zu finden. „Hauptsache der Untergrund ist eben“, belehrt Tarek die Gruppe, die teilweise das erste Mal in der Wüste ist.
Rechtzeitig, bevor das Licht des Tages verschwindet, hat sich jeder eingerichtet. Wir sitzen am Tisch und trinken Sundownertee. „Wer möchte Nüsse oder Trockenfrüchte?“, fragt Ibtehal. In den kommenden Tagen werden wir noch merken, dass ihre Fürsorge und Vorräte unerschöpflich zu sein scheinen – wie Mary Poppins hat sie für alles das Passende dabei: Feuchttücher, Voltaren, Obst, Süßes – und morgens sogar Filterkaffee.
Wenn ich verschlafen aus dem Zelt krieche, duftet es bereits nach Kaffee.
Schnell hat die Gruppe ihren Rhythmus gefunden, die Stunden fließen zeitlos ineinander, man lebt im Hier und Jetzt.
„Heute Abend ist Vollmond“, stellt Hany, einer unserer einheimischen Fahrer und Koch, fest. Nach dem Abendessen sitzen wir am Feuer und warten, bis der Mond auftaucht. Erst nur ein goldener Schein, dann zieht das Himmelsgestirn auf und erleuchtet die Umgebung. Taschenlampen sind überflüssig. Der Wind des Tages hat sich gelegt, die Welt ist still. Manchmal gibt es nichts zu sagen, nur zu fühlen und zu erleben.
„Ich habe noch Gurken anzubieten“, meint Ibtehal und reicht das Gemüse. Beim Hinsetzen plumpst sie sanft samat Stuhl rückwärts in den Sand – glücklicherweise weich. Es ist erlaubt, ein wenig zu lachen. „Ich kam mir vor wie ein Käfer auf dem Rücken“, sagt sie lachend. „Und Zuckerrohrstangen (Assab) habe ich auch noch!“
Neu für mich: Auf Zuckerrohr zu kauen, saugt den Saft und dient gleichzeitig als natürliche Zahnputz-Methode.
Wie immer vergehen gute Zeiten schnell. Der letzte Tag unserer Tour bricht an. Als Highlight besuchen wir die Djara Cave, eine Stalaktitenhöhle mitten in der Wüste Ägyptens. Im Halbdunkel herrscht angenehmes Klima, und mit Taschenlampen kann man die beeindruckenden Spitzen bewundern.
Zurück im Tageslicht fahren wir Richtung Asphaltstraße, als zwei Autos tief im Sand steckenbleiben. „Ach“, meint Tarek, „das ist Fischfisch – eine besondere Art Sand“. Treibsandartig, pudrig und tückisch. Schieben und Sandbleche helfen nicht; nur das einzige nicht eingesunkene Auto kann die Fahrzeuge per Seil herausziehen.
Ich laufe ein Stück – und sinke plötzlich selbst knietief ein. Und als ich automatisch versuche, meine Füße aus dem Sand zu ziehen, bleibt einer meiner Schuhe darin stecken. Ich versuche danach zu graben, denn ich bin eigentlich sicher, wo er geblieben sein müsste – aber er ist weg. Verschluckt im Sand, scheint es. Hm. Plötzlich sehen auch alle Löcher im Sand gleich aus und ich bin gar nicht mehr sicher, wo genau der Schuh stecken könnte.
„Eines Tages wird eine Gruppe hier einen einzelnen Schuh finden“, spöttelt Tarek, „und sich dann fragen, was aus dessen Besitzer geworden ist“….Aber dann erbarmt er sich und beginnt in großem Stil zu graben. Steine, Sand, noch mehr Steine – und dann – tatsächlich – mein Schuh! Sein Erscheinen wird gefeiert wie das Auftauchen eines guten Freundes.
Nun sind wir zufrieden.
Die Autos bewegen sich Richtung Straße, und von uns bleiben nur Fußspuren, die der Wind bald verwehen wird. Unterwegs passieren wir alte Auto- und Kamelspuren, die Jahrzehnte überdauert haben. Wer weiß, vielleicht bleibt auch von uns eine kleine Spur.
Wir treten den Rückweg nach Kairo an – Ibtehal hat noch Äpfel – und wir sind uns einig: Die Wüste Ägypten ist ein Ort zum Glücklichsein!