Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass ich schon seit 2009 in Kairo lebe.
Was als ein Jahr Auszeit begann, wurde Schritt für Schritt mein Leben in Ägypten.
Und dieses Leben ist voller Gegensätze: intensiv, überraschend, manchmal chaotisch – und oft ganz anders, als man es sich vorher vorstellt.
Immer wieder treffe ich Menschen, die gerade erst hier ankommen und sich genau dieselben Fragen stellen, die ich mir damals gestellt habe.
Was erwartet mich hier wirklich? Woran muss ich mich gewöhnen? Und was ist vielleicht ganz anders, als man denkt?
Netzwerke – eines der modernen Schlüsselworte. So sprach mich vor ein paar Wochen eine ehemalige Kollegin aus Schulzeiten an und fragte, ob eine Bekannte von ihr mir ein paar Fragen stellen dürfe.
„Ja, natürlich“, sagte ich sofort, denn ich erinnere mich noch gut, wie sehr mir zu Beginn Tipps von Insidern geholfen haben.
So komme ich nun gerade von einem gemeinsamen Kaffeetrinken mit Nina und ihrer Tochter Saskia (Namen geändert), bei dem sich viele Lebensrealitäten überschnitten.
Nina ist Lehrerin, so wie ich hier auch viele Jahre lang.
„Was muss ich beachten im Umgang mit Schülern hier?“, fragt sie direkt und rührt ihren Café au lait um.
„Tja“, denke ich, „da fällt mir so einiges ein.“
Ich erinnere mich noch gut, wie entsetzt ich zu Beginn war, als ich einer Gruppe von vor allem ägyptischen Jungs gegenüberstand, die mit viel Temperament ausgestattet waren und in Sachen Ruhe und Ordnung völlig andere Vorstellungen hatten als ich. Nun soll ein Lehrer natürlich seine Werte weitergeben, Struktur vermitteln, aber auch offen sein für Neues – wozu ist man sonst schließlich an eine Auslandsschule gegangen?
Mir hat hier in Kairo dabei vor allem eines geholfen: Respekt vor der anderen Kultur, echtes Interesse an den Menschen und gleichzeitig eine klare Rollenverteilung. Im Klassenzimmer bin ich der Boss – aber auf Augenhöhe.
Ich habe gelernt, dass der Weg zu einem Ägypter – egal ob Schüler oder Erwachsener – am besten über das Herz führt. Wenn du deines öffnest, bekommst du ein Vielfaches zurück.
Gute Nerven schaden natürlich trotzdem nicht, denn das Temperament und die Lebendigkeit der Menschen hier muss man auch erst einmal aushalten lernen.
Ich erinnere mich an einen ganz besonderen Moment, als es bei mir eines Tages an der Tür klingelte und davor zwei ehemalige Schüler standen, die längst ihr Abitur gemacht hatten. Vor allem einer der beiden hatte zu Schulzeiten häufig Disziplinschwierigkeiten, da es ihm nicht leichtfiel, sich an gewisse Regeln zu halten.
Wir hatten damals viele Gespräche geführt, und ich hatte immer gesehen, dass er ein intelligenter Junge war, dem manche Dinge einfach noch nicht so gut gelangen.
An diesem Tag wollten die beiden mich besuchen – einfach, um sich zu bedanken. Für meine Unterstützung damals. Und um mir zu erzählen, dass sie beide inzwischen erfolgreich studieren.
Ich gestehe: Ich war sehr gerührt. Solche Erinnerungen sind wie bunte Perlen an einer Kette – und man hütet sie. Ich würde behaupten, so etwas passiert einem nur in Ägypten.
„Wie ist es denn außerhalb der Schule?“, fragt Saskia, die selbst in einem internationalen Umfeld ganz anderer Art arbeitet. „Was muss ich vor allem als Frau bedenken?“
Spontan fällt mir dazu natürlich das Thema Kleidung ein. Es schadet nicht, wenn man sich insofern etwas anpasst, als man nicht mit Spaghettiträgern oder Shorts in der Stadt herumläuft. Auch dann hat man zwar nichts zu befürchten, aber für mich persönlich gehört das zum Respekt gegenüber einer anderen Kultur.
Abgesehen davon braucht man hier jedoch keine Angst zu haben.
„Ich habe mich hier von Beginn an sicher gefühlt“, sage ich zu Saskia. Natürlich ist das auch eine Altersfrage und hängt davon ab, mit wem man unterwegs ist.
Grundsätzlich halte ich Kairo inzwischen für sicherer als viele Orte in Deutschland – egal ob für eine Frau oder einen Mann.
„Und dann fällt mir noch ein“, ergänze ich, „dieses ewige Vorurteil, dass hier alle Frauen unterdrückt sind, weil viele Kopftücher tragen, ist vollkommen verkehrt.“
In der Gesellschaft gibt es hier eine riesige Bandbreite: sehr moderne, junge Geschäftsfrauen – ob mit oder ohne Kopftuch, das ist eher eine private Entscheidung. Natürlich auch sehr traditionell gekleidete Frauen, bis hin zur Vollverschleierung.
Vielleicht muss man nicht immer alles verstehen – aber man kann spüren, dass hier Vielfalt herrscht. Moslems und Christen leben friedlich nebeneinander und feiern gegenseitig ihre Feiertage mit.
„Ja“, meint Saskia, „ich habe auch schon gemerkt – so viele Feiertage wie hier gibt es selten irgendwo.“
„Praktisch als Arbeitnehmer“, antworte ich, „eher nicht so als selbstständiger Unternehmer.“
Inzwischen arbeite ich nämlich nicht mehr als Lehrerin, sondern gemeinsam mit meinem Mann in unserem Tourismusunternehmen, das sich Touren jenseits der Massen verschrieben hat. Da braucht man manchmal gute Nerven, wenn die Saison läuft und die Mitarbeiter sich nach den offiziellen Feiertagen richten möchten.
„Welche sind denn die wichtigsten Feiertage?“, fragt Nina.
Nun, grundsätzlich für Muslime das sogenannte kleine und das große Fest nach dem Ramadan bzw. sechs Wochen danach. Das große Fest ist das Opferfest (Eid), bei dem zum Gedenken an Abraham und Isaak ein Tier geopfert wird.
An mein erstes Opferfest hier habe ich auch eine sehr spezielle Erinnerung.
Ich wohnte damals im vierten Stock eines Hochhauses, und man hatte mir schon vorab gesagt, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, an diesem Tag irgendwo außerhalb zu sein, da die Schlachtvorgänge, die überall auf den Straßen stattfinden, nicht unbedingt etwas für schwache Nerven sind.
Also dachte ich mir: Diesem Rat folge ich. Und so verabredete ich mich mit einer Freundin zu einer Tagesfahrt.
Fröhlich trat ich morgens vor die Wohnungstür – und stand einem Treppenhaus gegenüber, durch das tatsächlich ein Blutstrom floss.
Womit ich nicht gerechnet hatte: dass Mieter direkt vor ihrer Wohnungstür – und nicht draußen – ein Tier geschlachtet hatten. Und noch waren die Spuren nicht ganz beseitigt …
Todesmutig watete ich nach unten und entschwand im Taxi zur geplanten Tagestour, die mich dann tatsächlich von diesem Geschehen entfernte. Aber – wie man sich vorstellen kann – werde ich diesen Tag nie vergessen.
Nina und Saskia lachen etwas ungläubig. Das kommende Opferfest findet Ende Mai statt – dann können sie ja ihre eigenen Erfahrungen sammeln.
„Fährst du hier selbst Auto?“, fällt Nina ein.
„Nein“, wehre ich entschieden ab. „Du hast sicher schon gemerkt, dass der Verkehr hier anderen Regeln folgt.“
Auf den ersten Blick wirkt er mehr als chaotisch. Allerdings gewöhnen sich viele Ausländer recht schnell daran, denn man fährt hier nicht nur stumpf nach Regeln, sondern eher nach Augenmaß.
„Na, das muss ich mir noch genauer ansehen“, antwortet Nina.
„Aber andere Frage: Können wir denn mit eurem Unternehmen spontan auch mal eine Tour buchen – was macht ihr denn so?“
„Unsere aktuellen Highlights sind unter anderem eine Tour durch die Oasen der westlichen Wüste“, antworte ich und merke sofort, dass Nina leuchtende Augen bekommt.
„Ja, die Landschaft hier ist so vielfältig“, ergänze ich. „Jede Oase hat ihren ganz eigenen Charme.“
„Und dann gibt es natürlich noch unser Boot auf dem Nassersee.“
„Ach!“, unterbricht Saskia. „Eine Nilkreuzfahrt wollte ich auch schon immer mal machen.“
„Nein“, stelle ich klar. „Wir fahren auf dem Nassersee – das ist hinter dem Staudamm in Assuan und etwas ganz anderes.“
„Spannend“, meinen Nina und Saskia – und das kann ich nur bestätigen.
Wenn ich an unser Schmuckstück auf dem Nassersee denke, schlägt mein Herz ohnehin schneller. Die Magie des Sees, die Bequemlichkeit des Bootes und die Zuvorkommenheit der Crew verfehlen ihre Wirkung nie.
Dieses besondere Gefühl, wenn die Leinen losgemacht werden, der Motor leise zu brummen beginnt und das Boot in einer sanften Kurve hinaus auf den See gleitet – das begeistert jeden, der gern unterwegs ist.
„Oh“, meint Nina, „ich habe hier erst einmal zwei Jahre geplant – aber ich habe jetzt schon das Gefühl, dass die gar nicht reichen, um genug von Ägypten zu sehen. Am besten bleibe ich in allen Ferien hier.“
„Ja“, bestätige ich, „langweilig wird es hier nie.“
Für mich ist es immer wieder diese besondere Energie, die in diesem Land pulsiert und mich fasziniert.
Natürlich gibt es genug Probleme, und nicht alles ist immer wunderbar. Aber man hat doch oft das Gefühl, dass das nächste Wunder schon hinter der kommenden Straßenkreuzung auf einen warten könnte.
„Danke“, sagen Nina und Saskia zum Schluss. „Jetzt freuen wir uns noch mehr auf unsere Zeit hier.“
Lächelnd verabschiede ich mich, trete aus dem Café in die momentan angenehme Frühlingsluft – und bin gespannt, was der Tag noch bringen wird.