Ägypten mit Senioren: „Ach wie schön, dich wiederzusehen!“, ruft unsere Kundin Mara, die gleichzeitig eine Freundin geworden ist und fällt mir um den Hals. Ich kann dies nur aufs Herzlichste erwidern.
Wir stehen morgens um 8 Uhr in der Lobby eines Hotels, in dem Mara und ihre Freunde vergangene Nacht angekommen sind, um eine zweiwöchige Ägyptenreise anzutreten.
„Seid ihr nicht todmüde?“, frage ich, darauf anspielend, dass die Maschine extreme Verspätung hatte und die Gruppe erst gegen 3 Uhr morgens überhaupt im Hotel gelandet ist. Und heute geht es direkt mit straffem Programm weiter Richtung Minya.
Aber Mara verneint strahlend und versprüht Energie aus allen Poren. Sie habe gut geschlafen, meint sie, und freue sich sehr auf die Reise. Und als Mitbringsel drückt sie mir erstmal eine Schachtel mit deutscher Schokolade in die Hand.
Nach und nach versammeln sich auch die anderen Reiseteilnehmer, die ich bislang nur aus unserer Emailkorrespondenz kenne. Diese wurde offensichtlich ernst genommen, denn Walburga, eine Freundin von Mara meint direkt stolz: “Ich habe alle Sachen eingepackt, die auf der Checkliste standen, sogar Augentropfen“.
Und dann beginnt ein fröhliches Frage- und Antwortspiel – wie tausche ich am besten Geld – wieviel Trinkgeld ist üblich – aber auch – wie kommt es, dass du, Dorothee, seit vielen Jahren als Deutsche in Ägypten lebst und arbeitest?? Wir antworten, so gut wir können.
Siegfried, ein weiterer Mitreisender bemerkt schließlich auch, dass es für sie alle keine Selbstverständlichkeit sei, jetzt hier in Ägypten zu sein, bewege sich doch ihr Altersdurchschnitt bei 80 +. Und natürlich musste jeder vorab für sich selbst entscheiden, ob er sich eine solche Tour noch zutrauen würde.
Jeder von den 6 Leuten hat seine eigene Geschichte, alle sind viel gereist, einige waren schon in Ägypten, Andere nicht. Ich merke, dass ich wirklich positiv überrascht bin, über die dynamische Ausstrahlung aller Teilnehmer. Viele wesentlich jüngere Personen, die ich getroffen habe, wirkten nicht so energiegeladen und positiv wie diese Menschen.
Spontan hätte man sich noch lange weiter unterhalten können, aber nun erscheint der Reiseleiter, der Kleinbus steht vor der Tür und es wird Zeit, den nächsten Schritt ins gemeinsame Abenteuer zu gehen. „Willst du deinen Koffer nicht mitnehmen?“ ruft Siegfried seiner Frau Mathilde hinterher, die direkt vor die Tür zum Bus gelaufen ist. Vielleicht hat sie schon geahnt, dass ihr liebevoller Ehemann dafür sorgen wird, dass auch ihr Koffer weiter mitreist.
Winken aus dem Fenster, – ‚wir sehen uns in 10 Tagen wieder‘ – dann verschwindet der Bus um die nächste Ecke und mein Mann und ich wandern zurück in unseren Alltag.
Natürlich verfolgen wir die Route der Gruppe auch aus der Ferne mit, aber zum Glück hören wir erstmal nichts – ein Zeichen, dass alles in Ordnung ist.
Und dann kommt der Moment an dem sie auf unserem Safariboot, der Dabuka Blue einchecken, diesmal in gewisser Weise das Herzstück der Reise. Als Mara im vergangenen Jahr mit ihren Enkelkindern hier war und wir uns direkt angefreundet hatten, erzählte ich ihr natürlich auch von unserem wunderschönen Schiff. Ich berichtete von der Magie des Nassersees und den Glücksbläschen die in meinem Bauch kribbeln, wenn ich an unser Boot denke.
Daraufhin trommelte Mara ihre Freunde zusammen, u.a., um mit ihnen über den Nassersee zu fahren.
Mein Telefon klingelte – und einer unserer Mitarbeiter, der die Tour begleitete, reichte es an Mara weiter, die begeistert verkündete, dass sie nun auf dem Boot seien. „Es ist genau so schön , wie du gesagt hast,“ rief sie. „Wir werden so verwöhnt, das Essen ist fantastisch und das Boot so liebevoll ausgestattet, dass man sich einfach wohlfühlen muss!“
„Gute Reise, Ihr Lieben“, antwortete ich und merkte, wie sehr ich mich einfach freute. Ein paar Tage später erreichte mich folgender Gästebucheintrag, der mich – zugegebenermaßen – fast zu Tränen rührte.
„Liebe Dorothee, lieber Tarek,
wir, ich Siegfried und Mathilde, sind seit vielen Jahren in vielen Ländern gereist – angefangen haben wir in Ägypten mit Mara und Siegfried. Inzwischen sind wir alt geworden (87 und 86 Jahre). Nach längerer Unterbrechung (Corona-Epidemie und Krankheiten) glaubten wir, dass wir nie mehr reisen könnten. –
Da kam das Angebot von euch zu dieser altersgerechten Ägyptenreise und unsere Herzen wurden entzündet, wir fassten Mut und so kamen wir zu dieser wunderbaren Reise, die viele, schöne Erinnerungen wieder wachrief und – überstieg.
Mit besonderen Menschen sind wir zusammengekommen, mit einem Boot wie aus 1001 Nacht tauchten wir in die Welt der alten Ägypter ein.
Es war ein Schicksalsgeschenk an der Schwelle unseres Lebensabends. Euch beiden sei unser tiefster Dank: Siegfried und Mathilde.“
In solchen Moment denkt man einfach, dass man auch als Reiseveranstalter etwas richtig gemacht hat.
Und schon schließt sich der Kreis wieder, ein paar Tage in Kairo sind noch angesagt – und ein gemeinsames Abendessen, um die Eindrücke bisher Revue passieren zu lassen.
Diesmal fallen wir uns alle um den Hals, gefühlt sind wir nun Freunde. Und noch während wir das Menue studieren, gibt es wieder so viele Fragen, Anmerkungen zum bisher Erlebten.
Ja, Abu Simbel war natürlich ein Highlight und nur so nebenbei erwähnt jemand aus der Gruppe dass Mathilde dort gestürzt sei. ‚Oh‘ – sie reibt sich die sichtlich geschwollene Hand und winkt ab: „Halb so schlimm, das wird wieder“.
Ich denke an meine Zeiten als Lehrerin zurück, wo ein kleiner Kratzer bei den Kindern für größtes „Leiden“ sorgen konnte. Ältere Menschen scheinen da wesentlich robuster zu sein!
Rasch wendet sich das Gespräch wieder „wichtigeren“ Dingen zu.
Tareks Fachwissen auch als Sudanexperte ist gefragt, denn Abu Simbel ist ja nicht weit davon entfernt und einige Reiseteilnehmer waren vor 25
Jahren mit Tarek im Sudan. Es darf gefachsimpelt werden.
Wolfgang ist offensichtlich der praktisch Veranlagte in der Gruppe. Er hat ein internetfähiges Handy dabei, das als Kontaktbrücke dienen kann, wenn nötig. Er organisiert das Bezahlen der Essenrechnung und wird später dafür sorgen, dass alles umgelegt wird. Auf dem Weg vom Hotel zum Restaurant legt er einen solchen Schritt vor, dass ich mich beeilen muss, mitzuhalten.
„Woher nehmen diese Leute nur so viel Energie,? frage ich mich zum wiederholten Mal. Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Einstellung.
Und dann ist es schon wieder an der Zeit, Abschied zu nehmen. Wir treffen die Gruppe diesmal nach dem Essen, wo sie vor einer leeren Rotweinflasche sitzen und sichtlich zufrieden mit sich selbst sind.
„Wir haben uns gerade selbst gratuliert“, mein Mara. „Wir hatten es zwar gehofft, aber niemand von uns konnte sicher sein, ob er oder sie diese Tour wirklich gut und mit Freude überstehen würde. Aber es war so!“
Man merkt, dass diese Tatsache auch zu den guten Erinnerungen gehören wird, die alle mit nach Hause nehmen. „Was macht ihr, wenn ihr wieder zurück seid,“ frage ich.
Die Antwort von Mathilde und Siegfried verblüfft mich einmal mehr: „Wir fahren unsere verschiedenen Kinder und Enkelkinder besuchen – mit dem Auto. Wir wechseln uns immer nach einer Stunde ab, das geht noch ganz gut!“
Wir verabschieden uns herzlich. Ich sage zu Mara, dass es ja schade sein, dass wir gar keine Zeit gehabt hätten, uns auch einmal allein zu unterhalten. „Aber wir hatten auch so schöne Momente zusammen,“ antwortet sie. „Dafür können wir doch dankbar sein“ und dann nimmt sie mich fest in die Arme.
Ein letztes Mal verlassen wir ein Lokal, Tarek und ich machen uns auf den Weg nach Hause, die Gruppe sieht einer letzten Nacht im Hotel entgegen. Siegfried winkt uns fröhlich mit seinem Gehstock hinterher und wir weisen ihn lachend darauf hin, dass er gerade in die falsche Richtung läuft.
Aber keine Sorge, er geht nicht verloren, denn seine Reisefreunde warten schon.